Heimat - Gedicht

1,180 views · Published 12 December 2012 · 4:35 · Indexed 15 October 2026

Channel: CommandanteMarco · 2012 · Film & Animation

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Heimat - Ahmet Ö. 2003 (c)

Ein Vogel im Herbsthimmel bin ich. Meine Flügel durchnässt von Regentropfen, die auf ihrem Weg gen durstigen Boden Rast in meinen Federn machen. Ein Schwenk nach unten über die bereits nach Früchten abgegrasten Roggenfelder. Wie reich die nasse Erde riecht. Ich ziehe meinen Kopf nach oben und senke meinen Rumpf. Spalte die Luft an meinem Bug. Tropfen prasseln auf meinen Schnabel, ich öffne ihn und trinke. Fliegen macht durstig. Noch mehr Tropfen zwingen mich meine Lider geschlossen zu halten. Ich steige weiter in den Ozean der Vögel. Vorbei an blattlosen graugrünen Kirschbäumen und zwischen Steinernen Säulen an denen Drähte hängen, die sich durch meine Luft ziehen. Einige Artgenossen sitzen auf den fast unsichtbaren Saiten des Windes und unterhalten sich über Orte, die sie bereits bereist haben. Ich setze meinen Flug in die Höhe fort und lasse schnell alles Störende, nicht in die Natur gehörende hinter mir. Nur meine Augen trennen mich von der vollkommenen Abnabelung der Welt. Ich schließe die Augen und werde von neuem Geboren. Welch ein Gefühl es ist mich frei zu fühlen. Die Wolken, die soeben noch von weitem undurchdringlich schienen öffnen mit jedem weiteren Flügelschlag ihre Pforten. Tiefer und tiefer gleite ich in die ihre Arbeit verrichtenden feuchten Himmelsbetten. Es kommt in mir der Wunsch auf den Mond zu küssen und die Sonne zu umarmen. Ich trotze den bösen Wolken und lächle den mir Gutgesonnenen zu. Diese freundlichen Wolken reden auf die weniger freundlichen Wolken ein, und auch ihnen lächle ich zu. Ich liebe es zu lieben. Einige Wolken nicken mir zu, und ich sehe hoch oben in der Ferne helle Sonnenstrahlen durch die Wattemassen hindurchschimmern. Ich spüre bereits wie die Strahlen meinen Schnabel erwärmen und mein durchnässtes Federkleid seine Leihgabe den Wolken in Form von warmem Dunst wieder zurückgibt. Ich weiss nicht recht wohin mit der Wolllust, die mir das Fliegen bereitet. Ich drehe mich um meine eigene Achse. Stolpere über eine sich verirrte einsame Wolke. Bitte um Verzeihung, und zahle ihr meinen Tribut in dem ich ihr eine Ehrenrunde schenke. Einen kurzen Moment verharre ich mit schnelleren Bewegungen unter der ängstlichen Wolke und Blicke zwischen den Himmelsschafen unter mir auf die Erde. Plötzlich weicht mein Übermut dem Gefühl der Sinnlosigkeit meiner Flucht. Ein Schauer läuft mir den Schnabel hinunter. Ich sehne mich nach dem Duft meiner Geburt. Ich sehne mich nach den Würmern im tauffrischen Boden. Noch mehr sehne ich mich danach dieses Gefühl der Freiheit immer und immer wieder erleben zu dürfen. Ich schmiege meine Flügel an meinen Körper und mache mich auf den Weg in meine Heimat. Nur um immer wieder von neuem fort zu gehen.

November 2003

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